Daniela Wiessner
Daniela Wiessner schreibt über das Leben in seiner besten Version. Als Gründerin von DIVENDO – Health Business Performance, Heilpraktikerin und strategische Beraterin im Bereich Longevity-Medizin verbindet sie wissenschaftliche Substanz mit einem Gespür für das, was Menschen wirklich bewegt: länger jung bleiben, klüger altern, besser leben. Ihre Themen sind Longevity, Biohacking und der neue Lifestyle der Prävention.
Gliederung:

Nicht der Körper speichert das Trauma – das Gehirn sagt es voraus
Der Körper speichert, was der Geist womöglich verdrängt. Diese Vorstellung, dass der Körper traumatische Erlebnisse speichert, ist in der wissenschaftlichen Psychologie und Neurowissenschaft fest verankert. Wissenschaftler sprechen vom Konzept des Körpergedächtnisses. Es beschreibt eine Form von implizitem Gedächtnis, in dem sensorische, emotionale und motorische Erlebnisse nicht nur im Gehirn, sondern im gesamten Organismus verankert werden. Diese Form der Speicherung spielt eine entscheidende Rolle in der Behandlung psychischer und psychosomatischer Erkrankungen, insbesondere bei Traumfolgestörungen.
Seit einer Dekade gilt ein Satz als ausgemacht: der Körper speichert, was der Kopf nicht verarbeiten konnte. Bessel van der Kolks „The Body Keeps the Score“ hat dieses Bild so tief in die Popkultur eingeschrieben, dass kaum noch jemand es hinterfragt. Eine Gruppe um den Neurowissenschaftler Karl Friston und den Autor Steven Kotler widerspricht jetzt in einem Fachartikel in Frontiers in Systems Neuroscience – offen, mit Namen, mit einer Gegenthese, die nicht nur akademisch interessant ist. Sie verändert, was in einer Therapiestunde eigentlich passiert.
Emotionen im Gewebe gespeichert – eigentlich war alles klar
Die Vorstellung, Emotionen seien in unserem Körpergewebe eingeschlossen, ist verführerisch. Sie erklärt, warum sich alte Angst so körperlich anfühlt. Und doch ist dieses Bild, geht es nach den Autoren um Kotler und Friston, biologisch ungenau. Nicht der Körper speichert das Trauma. Das Gehirn wiederholt es – über ein Vorhersagesystem, das sich nicht mehr korrigieren lässt.
Was nach einem Trauma bleibt, ist demnach keine Erinnerung, die irgendwo im Bindegewebe sitzt, sondern der Verlust einer Fähigkeit: Metastabilität. Darunter versteht man die Fähigkeit des Gehirns, flexibel zwischen verschiedenen Netzwerkzuständen zu wechseln. Ein gesundes Gehirn prüft ständig neu, was gerade wahrscheinlich ist. Ein traumatisiertes Gehirn hat sich auf eine Vorhersage festgelegt: Gefahr. Und es gewichtet diese Vorhersage so stark, dass jede neue Information – ein schneller Herzschlag, ein enges Gefühl in der Brust – als Bestätigung gelesen wird, nicht als das, was sie oft ist: normales Rauschen des Körpers.
Genau hier liegt der Kern der neuen Sichtweise. Was wie ein Beweis für Gefahr wirkt, ist oft ein Zirkelschluss: das Gehirn sagt Gefahr voraus, der Körper reagiert mit Erregung, und diese Erregung wird als Beweis genommen, dass die Gefahr real ist. Der Körper ist dabei Bote, nicht Archiv.
Ein Streit, der nicht neu ist – aber jetzt Namen trägt
Die Kritik an van der Kolk ist dabei differenzierter, als es auf den ersten Blick wirkt. Die Autoren erkennen an, dass sein Buch sich durchaus mit präfrontal-limbischen Prozessen, Interozeption und Damasios Konzept der somatischen Marker beschäftigt – das Problem liegt nicht in völliger Ignoranz der Neurowissenschaft. Es liegt in der Sprache. Der Satz, Trauma „lebe im Körper“, legt nahe, dass Erfahrung tatsächlich in Gewebe eingeschrieben wird, losgelöst vom Nervensystem. Zu diesem Schluss verführt der Text, auch wenn er die Behauptung an anderen Stellen relativiert.
Antonio Damasios eigene Theorie, auf die sich van der Kolk beruft, liefert nach Ansicht der Autoren sogar die präzisere Erklärung:
Emotionale „Landkarten“ werden nicht im Gewebe gespeichert, sondern über sogenannte Konvergenz-Divergenz-Zonen im Nervensystem konstruiert – neuronale Knotenpunkte, die Erinnerung und Gefühl flexibel und kontextabhängig reaktivieren.
Bei posttraumatischer Belastung, so die Vermutung, werden diese Zonen überempfindlich: Sie feuern schon bei entfernt ähnlichen Reizen – ein zufälliges Motorengeräusch reicht, um eine komplette Erinnerungskaskade auszulösen.

Was das für die Traumatherapie bedeutet
Und genau hier verschiebt sich die Praxis. Solange Trauma als emotionale Ablagerung in unserem Körper gilt, folgt daraus fast zwangsläufig eine Metapher des Befreiens: etwas Vergrabenes finden, etwas lösen, es herausbringen. Versteht man Trauma dagegen als eingefrorene Vorhersage, wird aus dem Befreien ein Training.
Nicht mehr lösen, sondern neu trainieren.
Konkret heißt das: Körpersignale wie Herzrasen werden in der Therapie nicht mehr automatisch als Gefahr gedeutet, sondern als das, was sie tatsächlich sind – eine Fehlprognose des Gehirns. Die lässt sich korrigieren, wenn der Körper nur oft genug die Erfahrung macht, dass auf das Alarmsignal nichts Schlimmes folgt. Solche kontrollierten Momente, in denen das Nervensystem maximale Gefahr meldet und trotzdem nichts passiert, sind genau das, was die Autoren als Korrektur der Vorhersage beschreiben.
Was ist mit bewährten Methoden der Traumarbeit?
Das Prinzip lautet: nicht Katharsis, sondern Wiederholung unter sicheren Bedingungen.Das erklärt auch, warum körperorientierte Verfahren wie Somatic Experiencing oder Yoga in diesem Modell ihren Wert behalten, aber eine andere Begründung bekommen. Sie wirken nicht, weil sie etwas aus dem Gewebe „lösen“, sondern weil sie dem Gehirn neue, sichere Signale aus dem Körper liefern – Rohmaterial für ein Vorhersagemodell, das sich sonst nicht aktualisieren würde.
Die unterschätzte Fähigkeit, mit einem Trauma selbst fertig zu werden
Ein zweiter, womöglich noch interessanterer Punkt betrifft nicht die Kranken, sondern die Mehrheit. Der Traumaforscher George Bonanno hat in großen Längsschnittstudien gezeigt, dass die meisten Menschen nach belastenden Erlebnissen keine chronische Belastungsstörung entwickeln, sondern sich von selbst erholen. Aus Sicht des Vorhersage-Modells ist das keine Ausnahme, sondern der Normalfall:
Ein gesundes Gehirn balanciert seine Vorhersagen von selbst wieder aus. Krankheit entsteht nicht, weil etwas Gespeichertes für immer bleibt, sondern weil dieser Ausgleichsprozess ausnahmsweise nicht gelingt.
Go with the flow – Wege aus dem Trauma
Als möglichen Weg, genau diesen Ausgleich gezielt wiederherzustellen, nennen die Autoren Flow-Zustände – jenes völlige Aufgehen in einer fordernden, sinnhaften Tätigkeit. Die Datenlage dazu ist, das räumen sie selbst ein, noch dünn: Eine kontrollierte Studie mit aktiven Soldaten zeigte zwar Verbesserungen durch Surf- und Wandertherapie, doch beide Gruppen profitierten ähnlich stark, sodass sich der spezifische Beitrag des Flow-Zustands nicht sauber von Bewegung, Naturkontakt und sozialer Einbindung trennen lässt. Die Autoren selbst nennen ihre These an dieser Stelle eine Vorhersage des Modells, keine gesicherte Tatsache.
Was heißt das jetzt?
Der Artikel verändert etwas sehr Konkretes: das, um was es in der Trauma-Therapie letztendlich geht..
Der alte Satz klang einfach: seelische Verletzungen, Traumata, heftige Emotionen bleiben im Körper verankert, bis man sie findet und löst. Kaum jemand hat das je hinterfragt. Selbst, wenn mir persönlich der Begriff „lösen“ immer sehr abstrakt vorkam.
Nach dem Modell von Karl Friston und Steven Kotler ist das Ziel nun ein anderes. Es geht nicht darum, etwas Vergangenes im Körper freizurütteln, wegzuklopfen oder sonst wie freizulegen. Es geht darum, dem Nervensystem neue Erfahrungen zu geben, die seine Vorhersage widerlegen: die Erfahrung, dass auf das Alarmsignal diesmal nichts Schlimmes folgt. Wiederholt sich das oft genug, ändert sich die Vorhersage selbst.
Nicht die Vergangenheit wird bearbeitet, sondern die Erwartung, die sie im Moment noch auslöst.
Haftungsausschluss
Dieser Blog dient ausschließlich allgemeinen Informationszwecken und stellt keine Ausübung von Medizin, Krankenpflege oder anderen professionellen Gesundheitsdienstleistungen dar, einschließlich der Erteilung medizinischer Ratschläge, und es wird kein Arzt-Patienten-Verhältnis begründet. Die Nutzung von Informationen in diesem Blog oder von Materialien, die mit diesem Blog verlinkt sind, erfolgt auf eigenes Risiko des Nutzers. Der Inhalt dieses Blogs ist nicht als Ersatz für eine professionelle medizinische Beratung, Diagnose oder Behandlung gedacht. Die Nutzer sollten bei allen Erkrankungen, die sie möglicherweise haben, ärztlichen Rat nicht ignorieren oder verzögern und bei solchen Erkrankungen die Hilfe ihres medizinischen Fachpersonals in Anspruch nehmen.









