Daniela Wiessner
Daniela Wiessner schreibt über das Leben in seiner besten Version. Als Gründerin von DIVENDO – Health Business Performance, Heilpraktikerin und strategische Beraterin im Bereich Longevity-Medizin verbindet sie wissenschaftliche Substanz mit einem Gespür für das, was Menschen wirklich bewegt: länger jung bleiben, klüger altern, besser leben. Ihre Themen sind Longevity, Biohacking und der neue Lifestyle der Prävention.
Gliederung:

Haben wir verlernt, was kein Lebewesen vor uns je lernen musste? Und ist das womöglich die tiefste Natur der Longevity-Bewegung? Eine philosophische Betrachtung von Longevity, Lifestyle und der wundersamen Entwicklung der modernen Zivilisation.
Eine simple Frage vorweg
Stellen wir uns vor, wir müssten einem Wesen von einem anderen Planeten erklären, womit sich ein signifikanter Teil der gebildeten, wohlhabenden Menschheit des frühen 21. Jahrhunderts beschäftigt: nämlich damit, wieder schlafen zu lernen. Damit, sich zu bewegen. Damit, echte Nahrung zu essen. Damit, miteinander in Kontakt zu sein.
Das Wesen würde stutzen.
Nicht weil es diese Dinge für unwichtig hielte – sondern weil es sie für so grundlegend erachten würde wie Atmen. Ach ja, auch das müssen wir neu erlernen. Pranayama und so. Kein Tier auf diesem Planeten benötigt einen Schlafmediziner. Kein Zugvogel einen Bewegungscoach. Kein Wolf einen Ernährungsberater. Der Mensch – das einzige Lebewesen, das die Erde von Pol zu Pol bevölkert und den Mond betreten hat, das Quantenmechanik versteht – benötigt nun offenbar professionelle Anleitung, um biologische Grundfunktionen auszuführen. Mit denen und für die er geboren wurde.
Was ist eigentlich los mit uns?
Diese Frage verdient keine schnelle Antwort, sondern Kahneman´sches langsames Denken. Also drehen wir eine extra Runde. Die Frage verdient philosophische Ernsthaftigkeit. Denn sie ist, bei genauerem Hinsehen, eine der aufschlussreichsten Fragen, die man über den Zustand der Moderne stellen kann.
Die Säulen der Longevity – und das stille Erstaunen dahinter
Die Wissenschaft hat gesprochen, in vielen Stimmen, über viele Jahrzehnte, aus Institutionen von Stanford bis Tokio. Und die Botschaft ist, im Kern, atemberaubend unspektakulär.
Die Stanford University definiert in ihrem Longevity Center sieben Säulen der Lifestyle Medicine: Bewegung, Ernährung, erholsamer Schlaf, Stressmanagement, soziale Einbindung, Dankbarkeit und kognitive Förderung.
Die Blue Zones – jene geographischen Anomalien, in denen Menschen überdurchschnittlich lange und gesund leben, in Sardinien, auf Okinawa, in Loma Linda – zeigen dasselbe Bild: Bewege dich natürlich. Iss weise. Manage Stress. Schlaf ausreichend. Pflege Gemeinschaft. Finde Sinn im Leben! Ikegai.
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Blue Zones entzaubert? Was steckt wirklich dahinter
Valter Longo, einer der renommiertesten Longevity-Forscher der Welt, identifiziert fünf Schlüsselfaktoren: Ernährung, soziale Einbindung, Bewegung, Stressmanagement und Schlaf. Peter Attia, dessen Buch Outlive eine Generation von Health-Enthusiasten geprägt hat, schreibt im Wesentlichen dasselbe – garniert mit Biomarkern, Bluttests und Trainingsprotokollen, aber im Kern: schlaf besser, verzichte auf hochverarbeitetes Essen, bewege deinen Körper, liebe Menschen und baue Muskulatur auf.
Man könnte das auch als Zusammenfassung eines prähistorischen Lebens lesen.
Und genau hier beginnt die eigentlich spannende Frage: Wenn es so einfach ist, warum ist es dann so schwer? Und wenn es so schwer ist, was hat es so schwer gemacht?
Das evolutionäre Mismatch – wir sind nicht gemacht für unsere Gegenwart
Die Evolutionsbiologie hat eine nüchterne Antwort. Eine Studie der Duke University an den Hadza in Tansania, den San in Namibia und den Tsimane in Bolivien – drei der wenigen verbliebenen vorindustriellen Gesellschaften – zeigt etwas Verblüffendes:
Der stärkste natürliche Schlafregulator ist nicht Dunkelheit, nicht Melatonin aus der Apotheke, nicht das rechtzeitige Abschalten des Smartphones oder eine Blaulicht-Schutz-Brille von Dave Asprey. Es ist der tägliche Temperaturzyklus der Umgebung – ein Regulator, den wir in unseren klimatisierten, beheizten, hermetisch versiegelten Schlafzimmern vollständig eliminiert haben. Wir brauchen nicht mehr Schlafmediziner, weil wir physiologisch unfähig zum Schlafen geworden wären. Wir brauchen sie, weil wir die Bedingungen abgeschafft haben, unter denen Schlafen sich von selbst ergibt. Als da wären: Temperaturabfall, Dunkelheit, Frischluft, Bewegungserschöpfung, Sonnenlicht, Nüchternheit, Rhythmus, Sicherheit, Abgeschlossenheit, Stille, Zugehörigkeit.
Eine Arbeit aus dem Fachjournal Current Biology (Yetish et al., 2015) bestätigt: Vorindustrielle Gesellschaften schlafen nicht mehr, aber sie schlafen besser. Nicht weil sie entspannter wären, sondern weil ihre Körper noch im Einklang mit ihrer Umwelt seht.
Derselbe Befund gilt für Ernährung. Eine umfassende Analyse in Nutrients (2022) hält fest: Für 99 Prozent der Menschheitsgeschichte war Sammeln und Jagen die Grundlage der Ernährung. Weder körperlich noch psychosozial habe der Mensch die Anpassung an moderne Lebensbedingungen vollzogen. Dafür zahlen wir einen hohen gesundheitlichen Preis. Unsere aktuelle Ernährung wird von stetigem Nahrungsangebot in minderer Qualität beherrscht – nicht durch unsere Millionen Jahre alte Biologie.
Und die Bewegung? Ein Editorial im Fachjournal Frontiers in Public Health (2024) bringt es auf den Punkt: Im Grunde ist Bewegung ein elementares menschliches Verhalten. Seit jeher war körperliche Aktivität wesentlich für das Überleben. In der modernen Gesellschaft neigen Menschen zunehmend zur Sedentarität – sprich: Wir sitzen, sitzen und sitzen, was den Grundbedürfnissen des menschlichen Organismus fundamental widerspricht. Kein Wunder: Ist Sitzen doch das neue Rauchen.

Jäger und Sammler – ganztags auf dem Bürostuhl
Dabei sind wir biologisch betrachtet Jäger und Sammler, als welche wir die Weiten der Steppe durchwandern sollten. Aktuell findet das Jagen und Sammeln bevorzugt auf Bürostühlen sitzend statt. Am Computer. Unsere Körper verlangen nach einer Welt, die es nicht mehr gibt. Und weil wir nicht zurück können in diese Welt, müssen wir sie – mit erheblichem Aufwand – simulieren. Das ist die eigentliche Geburtsstunde der Longevity-Industrie.
Ivan Illich hatte es geahnt
Es wäre unehrlich, so zu tun, als hätte niemand diese Entwicklung kommen sehen. Ivan Illich, österreichischer Theologe, Philosoph und einer der schärfsten Geisteskritiker des 20. Jahrhunderts, beschrieb in seinem Werk Die Nemesis der Medizin (1975) mit prophetischer Präzision einen Mechanismus, den er „soziale Iatrogenese“ nannte: unerwünschte gesundheitliche Folgen einer ärztlichen Behandlung, die zu einer erhöhten Morbidität und Mortalität führen können.
Illich argumentierte, dass durch die Medikalisierung (auch: Pathologisierung oder Krankheitserfindung) eine teure, spezialisierte und technologisierte Fürsorge entstanden ist, die die Allgemeinbevölkerung unfähig gemacht hat, mit gewöhnlichen Lebensprozessen – Schmerz, Schlaf, Hunger, Altern – eigenständig umzugehen. Und er formulierte einen Satz, der sich wie eine Prophezeiung der Longevity-Ära liest: Fünfzig Jahre nach der Erstauflage von Die Nemesis der Medizin erklärte er, er würde heute beginnen mit dem Satz:
„In entwickelten Ländern ist die Besessenheit, vollkommen gesund zu sein, zum vorherrschenden pathogenen Faktor geworden.“
Die Obsession mit Gesundheit als Krankheit? Das ist keine Polemik. Das ist eine präzise diagnostische Aussage über eine Zivilisation, die gelernt hat, dem Natürlichen zu misstrauen, und die das Vertrauen in den eigenen Körper abgegeben hat – an Institutionen, an Ärzte, an Messtechnik. Frage an Whoop: „Wie habe ich geschlafen?“
Peter Conrad und Thomas Szasz, Illichs intellektuelle Nachfolger in der Medikalisierungsforschung, verfeinerten das Konzept: Nicht nur die Medizin selbst, sondern die Bürokratisierung und Kommerzialisierung des Gesundheitswesens tragen zur Entmündigung bei. Gesundheit wird zur Dienstleistung. Der Körper zum Projekt. Und das Projekt erfordert Management.
Longevity – die Industrie der Rückkehr
Die Zahlen erzählen eine Geschichte, die man entweder als Triumph oder als Tragödie lesen kann. Vielleicht gar als beides? Die globale Wellness-Wirtschaft, zu der Longevity als zentrales Segment gehört, wächst von etwa 6,8 Billionen US-Dollar im Jahr 2025 auf prognostizierte 9,8 Billionen bis 2029. Die Longevity-Industrie im engeren Sinne soll von 23,5 Milliarden Dollar 2025 auf 63 Milliarden Dollar bis 2035 expandieren. Der Biohacking-Markt – Wearables, Supplements, kognitive Enhancement-Produkte – war 2025 bereits 33 Milliarden Dollar wert.
Wir zahlen also Billionen, um wieder das zu tun, was wir – eigentlich – kostenlos tun können sollten.
Das Vertrauen ist verloren. Ins Gesundheitssystem, in den eigenen Körper, in die eigene Natur. Und in dieses Vakuum strömt die Industrie – mit Supplements, Biomarkern, Kältekammern, kontinuierlichen Glukosemonitoren, Schlaftrackern und Longevity-Kliniken, die in der Schweiz bereits wie Pilze aus dem Boden schossen.
Vieles davon ist sinnvoll, evidenzbasiert, hilfreich. Aber man sollte die Frage stellen dürfen: Was hat diesen Bedarf erzeugt? Welche Welt produziert Menschen, die nicht mehr schlafen können, sich nicht mehr bewegen mögen und die dem Fast Food den Vortritt vor echter Nahrung lassen?

Entfremdung als Diagnose
Martin Heidegger sprach von der Verfallenheit: dem Zustand, in dem der Mensch sich selbst nicht mehr begegnet, weil er im „Man“ aufgegangen ist – in den unpersönlichen Strukturen des gesellschaftlichen Alltags. Man schläft nicht mehr zu den natürlichen Zyklen. Man isst, was die Nahrungsmittelindustrie bereitstellt. Man bewegt sich, wenn der Beruf es erlaubt.
Was die Longevity-Industrie verkauft, ist im Grunde die Re-Appropriation des Selbst. Zurück zum eigenen Selbstbedürfnis. Der Schlafmediziner lehrt nicht das Schlafen – er lehrt die Entkopplung von jenem System, das das Schlafen verhindert. Der Ernährungsberater lehrt nicht das Essen – er lehrt die Navigation durch eine Nahrungslandschaft, die systematisch krank macht. Der Longevity-Coach lehrt nicht das Leben – er hilft beim Entkommen aus einer Lebensform, die uns vor der Zeit altern und krank werden lässt.
Das ist das eigentliche Paradox:
Die Experten des Natürlichen sind das Symptom einer kranken gesellschaftlichen Haltung.
Die Frage, die offen bleiben muss
Die Biologin und Wissenschaftsphilosophin Christine Overall hat in ihrer Untersuchung Aging, Death, and Human Longevity gefragt: Sollten wir überhaupt so lange leben wollen? Und wenn ja – für was? Das AMA Journal of Ethics formuliert in einem grundlegenden Beitrag von 2025 dieselbe Frage anders: Was bedeutet es, dass Altern heute als formbare, modifizierbare Bedingung gilt – und nicht mehr als Schicksal?
Das sind echte philosophische Fragen. Und sie führen zu einer weiteren, vielleicht unbequemeren: Wenn wir gerade lernen, dass Schlafen, Essen, Bewegen, Verbundenheit die Säulen eines langen Lebens sind – warum hat die Zivilisation, die diese Erkenntnis produziert hat, gleichzeitig die Bedingungen zerstört, unter denen diese Dinge sich von selbst ergeben?
Ist Longevity die Lösung? Oder ist sie die aufwendige Reparatur eines Schadens, den wir selbst angerichtet haben?
Oder – und das ist vielleicht die philosophisch produktivste Lesart – ist sie beides zugleich: ein Zeichen, dass wir den Schaden erkennen, und ein Beweis, dass wir ihn noch nicht wirklich verstanden haben?
Wie wäre eine Welt, in der wir nicht mehr lernen müssten zu schlafen, zu essen, zu atmen? Wie müsste sie aussehen? Wie müssten wir leben? Was müssten wir aufgeben? Die Antworten gibt uns die Longevity-Bewegung!
Vielleicht ist das ihre eigentliche Aufgabe. Back to the roots.
Quellen
Alle Links zuletzt aufgerufen: 11. Juni 2026
Wissenschaftliche Primärquellen
- Alt, K.W., Al-Ahmad, A. und Woelber, J.P. (2022) ‚Nutrition and Health in Human Evolution – Past to Present‘, Nutrients, 14(17), S. 3594. doi: 10.3390/nu14173594. Verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC9460423/
- Barnet, R.J. (2003) ‚Ivan Illich and the Nemesis of Medicine‘, Medicine, Health Care and Philosophy, 6(3), S. 273–286. doi: 10.1023/A:1025991708888. Verfügbar unter: https://link.springer.com/article/10.1023/A:1025991708888
- Illich, I. (1975) ‚The Medicalization of Life‘, Journal of Medical Ethics, 1(2), S. 73–77. doi: 10.1136/jme.1.2.73. Bibliographischer Eintrag verfügbar unter: https://philpapers.org/rec/ILLTMO
- Kreouzi, M., Theodorakis, N. und Constantinou, C. (2022) ‚Lessons Learned From Blue Zones, Lifestyle Medicine Pillars and Beyond: An Update on the Contributions of Behavior and Genetics to Wellbeing and Longevity‘, American Journal of Lifestyle Medicine, 18(1). doi: 10.1177/15598276221118494. Verfügbar unter: https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC11536469/
- Meneu, R. (2018) ‚Life Medicalization and the Recent Appearance of „Pharmaceuticalization“‚, Farmacia Hospitalaria, 42(4), S. 174–179. doi: 10.7399/fh.11064. Verfügbar unter: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1130634323004269
- Overall, C. (2003) Aging, Death, and Human Longevity: A Philosophical Inquiry. Berkeley: University of California Press. Bibliographischer Eintrag verfügbar unter: https://philpapers.org/rec/OVEADA-3
- Yetish, G., Kaplan, H., Gurven, M., Wood, B., Pontzer, H., Manger, P.R., Wilson, C., McGregor, R. und Siegel, J.M. (2015) ‚Natural Sleep and Its Seasonal Variations in Three Pre-Industrial Societies‘, Current Biology, 25(21), S. 2862–2868. doi: 10.1016/j.cub.2015.09.046. Verfügbar unter: https://www.cell.com/fulltext/S0960-9822(15)01157-4
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Philosophisch-ethische Quellen
- Ballantyne, A. und Lysaght, T. (2025) ‚Lessons for Responsible Geroscience From the History of Longevity‘, AMA Journal of Ethics, Dezember. Verfügbar unter: https://journalofethics.ama-assn.org/article/lessons-responsible-geroscience-history-longevity/2025-12
Caviola, L. et al. (2026) ‚The Ethics Case for Longevity Science‘, Ageing Research Reviews. doi: 10.1016/j.arr.2026.102648. Verfügbar unter: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S1568163726000462
Institutionelle und journalistische Quellen
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Clinic Creators (2026) ‚The Explosive Growth of the Longevity Industry‘ [Online]. Verfügbar unter: https://cliniccreators.com/the-explosive-growth-of-the-longevity-industry/ - Hardcastle, T. (2025) ‚7 Simple Science-Backed Rules for Living Longer‘, National Geographic, 16 Juli. Verfügbar unter: https://www.nationalgeographic.com/health/article/longevity-aging-tips-science
- Market Research Future (2025) Longevity Market Size, Growth & Industry Forecast 2025–2035 [Marktbericht]. Verfügbar unter: https://www.marketresearchfuture.com/reports/longevity-market-42067
- Stanford Lifestyle Medicine (o. J.) Lifestyle Medicine Pillars [Online]. Stanford University. Verfügbar unter: https://lifestylemedicine.stanford.edu/lifestyle-pillars/© Daniela N. Wiessner / Alle Rechte vorbehalten.
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