Daniela Wiessner
Daniela Wiessner schreibt über das Leben in seiner besten Version. Als Gründerin von DIVENDO – Health Business Performance, Heilpraktikerin und strategische Beraterin im Bereich Longevity-Medizin verbindet sie wissenschaftliche Substanz mit einem Gespür für das, was Menschen wirklich bewegt: länger jung bleiben, klüger altern, besser leben. Ihre Themen sind Longevity, Biohacking und der neue Lifestyle der Prävention.
Gliederung:

Vagusnerv unter Beschuss – haben wir die ganze Zeit umsonst „geatmet“?
Wir alle haben in den letzten Jahren gelernt, dass der Vagusnerv der Big Player in Sachen Parasympathikus ist. Quasi unser zentraler Ansprechpartner in Sachen Entspannung. Ob 4-7-8-Atmung, Nurosym oder Infusionen für den Vagusnerv – sie alle sollten für die Aktivierung des Vagusnerv sorgen und uns damit aus der Dauerstress-Falle lotsen. Diese Annahmen beruhen u.a. auf der sogenannten Polyvagal-Theorie von Stephen W. Porges. Nun haben 39 Forscher dieser Theorien den Kampf angesagt – und sie völlig neu bewertet. Wir haben uns die Sache mal genauer angesehen. Klingt wissenschaftlich. Ist es auch. Aber das Fazit ist dennoch überraschend.
Das Ende der Polyvagal-Theorie?
1994 hielt der Psychophysiologe Stephen Porges eine Antrittsvorlesung vor der Society for Psychophysiological Research. Darin schlug er ein Modell vor, das die Trauma-Therapie der nächsten dreißig Jahre prägen sollte: das autonome Nervensystem bestehe nicht aus zwei Zuständen, Anspannung und Entspannung, sondern aus drei fein unterscheidbaren Schaltkreisen.
Ein evolutionär alter Ast des Vagusnervs, der dorsale, steuert demnach Immobilisation und Abschalten – jenen Zustand, in dem sich Menschen wie neben sich stehend erleben. Der Sympathikus in der Mitte organisiert Kampf und Flucht. Ein evolutionär jüngerer, ventraler Ast, gekoppelt an Mimik und Stimme, ermöglicht das, was Porges „soziales Engagement“
nannte: das Gefühl, sicher verbunden zu sein.
Das Bestechende an diesem Modell war nie die Anatomie allein. Es war die Übersetzungsleistung. Aus „ich kann nicht mehr“ wurde „dorsaler Shutdown“. Aus „mir ist alles zu viel“ wurde „sympathische Aktivierung“. Patient:innen verstanden ihr Erleben nicht mehr als persönliches Versagen, sondern als physiologische Reaktion. Klinisch war das ein Geschenk. Und genau das machte die Theorie unangreifbar, lange bevor jemand sie ernsthaft prüfte.

Was der Vagusnerv leistet – und was niemand bezweifelt
Bevor wir uns den Streit genauer betrachten, lohnt sich ein Schritt zurück. Der Vagus, lateinisch „der Umherschweifende“, ist sozusagen der Vagabund unter unseren Hirnnerven – und zugleich der längste des Körpers. Er verlässt den Hirnstamm, zieht durch den Hals, versorgt Kehlkopf und Herz, durchquert den Brustkorb, erreicht Lunge, Magen und Darm. Diese Anatomie ist seit über einem Jahrhundert beschrieben, lange bevor jemand von „Polyvagal“ sprach, und sie steht in keinem der beiden Lager zur Debatte.
Was den Vagus besonders macht, ist seine Richtung. Rund achtzig Prozent seiner Fasern laufen nicht vom Gehirn zum Körper, sondern umgekehrt: vom Körper zum Gehirn. Er meldet, wie schnell dein Herz schlägt, wie gedehnt dein Magen ist, wie es um deine Atmung steht. Das Gehirn empfängt diese Signale und reguliert darüber Herzfrequenz, Verdauung und Entzündungsreaktionen mit. Diese Funktion, real, messbar und klinisch seit Langem genutzt, etwa in der Behandlung von Epilepsie oder therapieresistenter Depression durch implantierte Vagusnervstimulation,
bleibt von der aktuellen Kontroverse vollständig unberührt. Sie ist Grundlagenwissenschaft, keine Interpretation.
Was zur Debatte steht, ist etwas anderes: die zusätzliche Erzählschicht, die Porges über diese Anatomie gelegt hat. Die Aufteilung in einen „alten“ und einen „neuen“ Ast mit je eigener emotionaler Bedeutung ist eine Interpretation der Anatomie, keine Beschreibung von ihr. Genau an dieser Schicht setzt die Kritik von Grossman und seinen Kolleg:innen an – nicht am Nerv selbst, sondern an der Geschichte, die man ihm nachträglich gegeben hat.
Polyvagal-Theorie – Angriff aus den eigenen Reihen
Im Februar 2026 veröffentlichte der Psychophysiologe Paul Grossman gemeinsam mit 38 weiteren Forscher:innen aus Neurophysiologie, vergleichender Anatomie und Wirbeltierevolution eine Sammelkritik im Fachjournal Clinical Neuropsychiatry. Grossman kritisiert das Modell nicht zum ersten Mal – erste Einwände hatte er bereits 2007 formuliert. Neu ist das Ausmaß: 39 Fachleute, die geschlossen sagen, das Modell sei „unhaltbar“. Ihre Kritik lässt sich auf drei Kernpunkte verdichten.
Erstens bestreiten sie die anatomische Trennschärfe zwischen dorsalem und ventralem Vagusast. Strukturen, die Porges als evolutionär jung und säugetierspezifisch beschreibt, finden sich den Autor:innen zufolge bereits bei deutlich einfacheren Wirbeltieren. Die klare Zweiteilung, auf der das gesamte Modell aufbaut, existiert in dieser Reinform nicht.
Zweitens hinterfragen sie den zentralen Messwert: die respiratorische Sinusarrhythmie, also die Schwankung der Herzfrequenz im Atemrhythmus. Dieser Wert gilt in der Polyvagal-Theorie als Indikator für „ventrale
Sicherheit“ – genau jene Zahl, die auch handelsübliche Wearables als Vagus-Tonus anzeigen. Physiologisch ist dieser Zusammenhang, so die Kritiker, deutlich komplexer und weniger eindeutig, als das Modell suggeriert.
Drittens greifen sie die evolutionäre Erzählung an: starre Reptilien, sozial verbundene Säugetiere. Vergleichend-anatomisch, argumentieren sie, hält diese Geschichte nicht, was sie verspricht.
Die Antwort und Verteidigung der Theorie
Porges antwortete im selben Heft. Sein Argument verschiebt die Debatte auf eine andere Ebene: Die Kritiker, so Porges, greifen nicht seine Theorie an, sondern eine vereinfachte Rekonstruktion davon. Sein Modell sei ein „gesamthaftes System“ autonomer Zustandsregulation, keine Sammlung einzeln widerlegbarer anatomischer Behauptungen.
Diese Verteidigung ist rhetorisch geschickt. Sie ist auch erkenntnistheoretisch heikel. Eine Theorie, die sich gegen jede
konkrete Widerlegung mit dem Verweis auf ihre „systemische Natur“ immunisiert, verliert genau das Merkmal, das eine wissenschaftliche Theorie ausmacht: die Möglichkeit, an konkreten Beobachtungen zu scheitern. Der Streit ist deshalb so hartnäckig, weil er nicht neu ist. Er schwelt seit fast zwei Jahrzehnten, jetzt trägt ihn erstmals eine
geschlossene Front von 39 Fachleuten.
Viel Theorie und wissenschaftlicher Streit – doch was bedeutet das für uns?
Gilt das, was wir über den Vagusnerv wissen, jetzt noch – oder müssen wir alles neu denken? Der entscheidende Punkt für uns liegt nicht darin, wer am Ende recht behält. Schließlich wollen wir uns nicht in eine wissenschaftliche Diskussion einmischen. Wir wollen schlicht wissen, wie sich Stress aktiv abbauen lässt. Nicht die Erkenntnis zählt für uns, sondern das, was sich daraus schlussfolgern lässt.
Die Technik stimmt – nur die Begründung passt nicht mehr
Dass langsames, verlängertes Ausatmen beruhigend wirkt, ist seit Jahrzehnten – wenn nicht Jahrtausenden – bekannt (Pranayama-Atmung). Dass elektrische Stimulation am Ohr oder Hals eine messbare physiologische Reaktion auslösen kann, ist eigene, von der Polyvagal-Theorie unabhängige Forschung. Was zur Debatte steht, ist somit nicht die Wirkung unserer Tools, sondern die anatomisch klingende Geschichte, die einem erklären soll, warum sie eintritt.
Genau hier liegt die eigentliche Verschiebung: weg von der Frage, ob eine Übung „funktioniert“, hin zu der Frage, wie viel anatomische Präzision es dafür tatsächlich braucht. Eine Atemübung verliert nichts von ihrer Wirkung, nur weil das Modell dahinter gerade zur Disposition steht.
In diesem Sinne: Keep breathing!
Zur Vertiefung:
- Grossman P, Ackland GL, Allen AM, Berntson GGB, Booth LC, Burghardt GM, Buron J, Dinets V, Doody JS, Dutschmann M, Farmer DGS, Fisher JP, Gourine AV, Joyner MJ, Karemaker JM, Khalsa SS, Lakatta EG, Leite CAC, Macefield VG, Machado BH, Machado RM, Menuet C, Mendelowitz D, Moraes DJA, Neuhuber W, Ottaviani MM, Paterson DJ, Paton JFP, Pellegrino PR, Ramchandra R, Shanks J, Schwaber JS, Shivkumar K, Spyer KM, Taylor EW, Taylor JA, Wang T, Yao ST, Zucker IH. Why The Polyvagal Theory Is Untenable: An international expert evaluation of the polyvagal theory and commentary upon Porges, S.W. (2025). Polyvagal theory: current status, clinical applications, and future directions. Clin. Neuropsychiatry, 22(3), 169-184. Clin Neuropsychiatry. 2026 Feb;23(1):100-112. doi: 10.36131/cnfioritieditore20260110. PMID: 41768017; PMCID: PMC12937499.
- Porges, S.W. (2026). When a Critique Becomes Untenable: A Scholarly
Response to Grossman et al.’s Evaluation of Polyvagal Theory.
Clinical Neuropsychiatry, 23(1), 113–128.
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